Ein Interview mit Benjamin Heisenberg der aktuell mit seinem Film „Räuber“, mit dem er den Bayrischen Nachwuchspreis gewonnen hat, Europaweit im Kino zu sehen ist. Ab 1998 studierte er an der HFF München und schloss sein Studium in der Spielfilmklasse mit dem mehrfach ausgezeichneten Film „Schläfer“ ab. Derzeit lebt er in Berlin.
Interview: Martin Danisch
Warum hast Du Dich damals dafür entschieden an die Filmhochschule zu gehen und warum hast Du Dich für die HFF entschieden, gab es da einen besonderen Grund?
Der Wunsch auf die Filmhochschule zu gehen ist keiner der aus der Jugend herauskommt, meine Filmaffinität davor war relativ normal. Ich hab mich dann irgendwann, als ich mich immer mehr für die Kunst interessiert habe, auch der Filmgeschichte zugewendet. Die Entscheidung überhaupt zum Film zu gehen ist erst während der Zeit an der Kunstakademie entstanden, wo ich erzählerische Arbeiten weiter entwickelt habe, die dann in ein Video mündeten. Aus dieser Idee entstand ein Spielfilm, den ich relativ aufwendig auf 16mm gedreht habe und mit dem ich mich dann an der Filmhochschule München beworben habe.
Ich habe damals die dffb nicht in Betracht gezogen, weil ich auf der einen Seite bereits viele Kontakte zur HFF geknüpft hatte und auf der anderen Seite hat sich die dffb von der Ferne relativ theoretisch angefühlt, ich hatte das Gefühl das ist eine intellektuelle Schule. Aber letztendlich habe ich mich für München entschieden, weil ich dort weiter in der Kunst aktiv sein konnte und mich dort wohl fühlte. Ich hab mich am Anfang nicht nur als Filmemacher gesehen, sondern ich dachte ich kann Kunst und Film parallel machen.
Hat sich Dein Blick auf die HFF, aber auch auf die dffb heute verändert?
Mein Blick hat sich auf jedenfall verändert. Ich kam von der Kunstakademie, Christoph (Hochhäußler) vom Architektur Studium und wir hatten einfach das Gefühl, dass das Niveau dieser Filmhochschule nicht gut genug war. Wir haben uns darüber geärgert, was für Filme teuer gedreht wurden, die eher nicht inspirierend waren – oft jedenfalls. Damals haben wir dann angefangen uns an öffentlichen Diskussionen zu beteiligen. Das hat auf jeden Fall die ganze Lage an der Schule angeheizt und bald haben wir den Revolver gegründet – Sebastian Kutzli, Christoph Hochhäusler und ich, später kam dann auch Jens Börner dazu – einfach um selbst noch einmal unsere Filmausbildung in die Hand zu nehmen, um wirklich zu schauen wo es Sachen gibt die wir von anderen Filmemachern lernen können, die an der Schule und bei den Dozenten nicht zu finden waren. Die stilistischen und handwerklichen Fragen zum Film wurden an der Schule nicht richtig beantwortet und hätten oft viel tiefer gehen sollen. Außerdem hatten wir damals auch das Gefühl, dass die Filme in der deutschen Filmlandschaft die man im Gros sehen konnte, nicht unserer Vorstellung von Film entsprachen. Da gab es für uns intensivere und spannendere Filmprojekte, die aus dem Ausland kamen. Wir fragten uns, warum die bei uns in der Schule nicht besprochen wurden und haben deswegen selbst den Kontakt zu den Filmemachern aufgenommen, die, in unseren Augen, ein tieferes Verständnis für Filmkunst und Filmkultur hatten. Und wir haben schnell auf Grund der positiven Reaktion auf den ersten Revolver gemerkt, dass es ein weiter verbreitetes Bedürfnis nach dieser Auseinandersetzung gab.
Ich habe natürlich heute viele freundschaftliche Beziehungen zur HFF und auch weil ich letztendlich dort auch viel Unterstützung gefunden habe und im Endeffekt Chancen hatte, die sonst nur schwer zu kriegen gewesen wären. Zum Beispiel durfte ich bei einem 45 Minüter Regie führen, den unsere Klasse als Gruppenproduktion produziert hat. Dabei habe ich unheimlich viel gelernt und bei den anderen Kurzfilmen auch. In sofern hat sich über das Studium doch relativ viel ergeben, was ich dort gesehen und gelernt habe.
Der Blick auf die dffb hat sich erst durch meine Bekanntschaften hier in Berlin verändert, von Leuten die dort studiert haben, z.B Nicolaus Wackerbarth, Angela Schanelec, Rainhold Vorschneider und viele Leute die ich von dort kenne. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass es eine Hochschule ist, die sehr spannende Leute hervorgebracht hat, und die damals wahrscheinlich ein profunderes Filmverständnis entwickelt hatte als wir in München. In dem Jahrgang in München in dem ich abgeschlossen habe, hatten von den 40 Abgängern eine Anzahl die man an den Fingern abzählen konnte, überhaupt je ein Film von Almodovar gesehen. Das muss man sich mal reinziehen, was das bedeutet. Das drückt viel darüber aus, was in München auch für ein Verständnis von Film geherrscht hat. Vieles hat sich mittlerweile deutlich geändert, aber es war schon verheerend, dass es das Interesse für den künstlerischen Film nicht gab und das scheint an der dffb deutlich anders gewesen zu sein und ist auch noch anders, wie ich höre!
Siehst Du einen Unterschied über Dein Gefühl als Filmemacher während Du an der HFF studierst hast und nach dem Du die Schule abgeschlossen hast? Hat sich die Perspektive aufs Filmemachen verändert?
Also in der Ausbildung gibt es ja verschiedene Wünsche: es gibt Wünsche bestimmte Sachen zu lernen, es gibt das Ziel einen Kurzfilm, den man unbedingt machen will, zu realisieren, oder Techniken auszuprobieren und mit Leuten zu arbeiten für die man sich interessiert. Und es gibt natürlich Themen die man bearbeiten möchte. Bei alledem ist aber die Ausbildung schon noch im Vordergrund. Dann, ganz am Anfang der professionellen Karriere, geht es darum den ersten Film zu machen und da bist Du plötzlich in einem neuen Becken, in dem sehr viele Leute schwimmen. Da sind die Strukturen ganz andere. Es ist nicht mehr ein geschützter Raum, wie die Filmhochschule wo Du auch mal was völliges Blödsinniges machen kannst was dann in der Schublade landet. Die Möglichkeit einen langen Spielfilm zu machen erkämpft man sich viel härter und dann ist es auch viel schlimmer wenn der wirklich schlecht wird. Es ist nicht so, dass ich mir das immer vor Augen führe und unter diesem Druck stehe, aber so ist die Realität. Deswegen versucht man anders zu arbeiten. Die Zyklen sind anders. Zum Beispiel wenn ich ein Drehbuch für einen Spielfilm schreibe brauche ich einen viel längeren Atem, als beim Kurzfilm und ich muss mir noch genauer überlegen, mit was für einer Produktion ich arbeiten will. Diese Fragen sind dann kein Testlauf mehr, das ist der Ernstfall. Und insofern ist es auch ein anderes Verhältnis zum Filmemachen, was sich da einstellt, definitiv.
Kann man sich dann selbst treu bleiben?
Man kann sich absolut treu bleiben, daran glaube ich sehr. Man muss nur sehr genau auswählen mit wem man zusammen arbeitet, das ist das absolut Wichtigste. Aber die Frage ob man sich treu bleibt ist natürlich auch eine Frage des Glücks und hängt davon ab wie erfolgreich man ist mit dem was man macht. Das muss man ganz klar sehen. Wenn sich der Erfolg nicht einstellt, ist es wesentlich schwieriger seine Visionen durchzusetzen. Das Business ist so teuer, dass man natürlich Unterstützer braucht. Je weniger Zuspruch von außen kommt, umso hartgesottener muss man werden um bei sich zu bleiben. Der Erfolg ist ein wichtiger Teil, wie auch immer der sich einstellt. Eine andere Sache die man sich absolut erarbeiten kann und muss, und das habe ich glücklicher Weise schon an der Kunstakademie gelernt, ist den eigenen Motor zu entwickeln, überhaupt selbst zu arbeiten. Viele Leute bei uns an der Schule hatten das Problem, das sie vor allem in der schulischen Struktur gut funktioniert haben, wo ihnen gesagt wurde was sie machen sollen. Später ging es dann plötzlich darum das sie ihren Abschlussfilm schreiben und da vergingen Jahre, weil einfach der Arbeitsrhythmus und auch ein bestimmter Umgang mit sich selbst fehlte. Das ist etwas was man sich als Student wirklich vornehmen kann, diesen stetigen Rhythmus an Arbeit zu generieren, der aus einem selbst heraus funktioniert. Wenn man diesen Motor hat, dann wird man auf kurz oder lang wieder auf die Füße fallen, dann kann man auch, wenn man mal keinen Film macht, für jemanden anderes schreiben oder anders arbeiten.
Was sagst Du zu dem Begriff Scheitern und wie bist du mit Deinem eigenen Scheitern umgegangen?
Natürlich, das ist total wichtig. Ich bin immer wieder gescheitert. An der Kunstakademie habe ich einmal einen Film gedreht, zu dem mein Professor nur gesagt hat: den kannst du die nächsten 20 Jahre in den Schrank einschließen, weil der so scheiße ist. Das war eine klare Ansage. Da wurde recht hart mit uns ins Gericht gegangen. In der Filmhochschule waren die Kategorien dagegen sehr wischi waschi.
Ich hab bei jedem Film zwischendurch wieder das Gefühl gehabt zu scheitern. Das gab es jetzt auch beim „Räuber“, wo wir mittendrin fürchteten, das wird nichts. Auch beim Drehbuchschreiben dachte ich zwischendrin, was ist das eigentlich noch, will ich das machen, oder ist das nur ein Konglomerat von Ideen die ich mir von anderen Leuten angeeignet habe. Aus diesen Krisen entstehen dann aber die entscheidenden Schritte vorwärts, weil man sich zwingt noch mal ganz genau und ungeschminkt hin zu sehen. Insofern ist Scheitern extrem wichtig. Man muss sich ein dickes Fell erarbeiten und man muss auch bereit sein Unwillen in Kauf zu nehmen. Deswegen muss man auch hart sagen, dass die Leute in diesem Metier, die ein finanzielles Backup hinter sich wissen, es deutlich deutlich leichter haben. Wenn Du Zeiten überdauern musst, in denen es nicht so gut läuft, oder Du länger brauchst um etwas zu entwickeln, ist es natürlich viel einfacher mit einem finanziellen Polster zu arbeiten, als wenn Du jeden Tag schauen musst wie die Kohle reinkommt.
Dominik Graf sagt, dass die heutige medienkompetente Generation von Filmemachern das Handwerk eigentlich schon beherrscht, dass sich aber dahinter der emotionale Gehalt der Geschichten versteckt. Du hast ja an der Kunstakademie ein Handwerk studiert, nämlich Bildhauerei. Wie ist Dein Verhältnis zum Handwerk?
Die Kunstakademie hat uns kein Handwerk gelernt. Die Kunstakademie gab uns die totale Freiheit um zu suchen, bzw. herauszufinden, wie man sich ausdrücken will. Man konnte in Werkstätten für Stein, Holz, Papier, Plastik, neue Medien oder was auch immer gehen und dort ein bisschen Handwerk lernen.
In der Filmhochschule sollten wir dann als Handwerk das Erzählhandwerk lernen. Da wurde darüber gesprochen, wie ich einen Schuss-Gegenschuss mache, bestimmte Situationen beleuchte, oder wie eine Kamera funktioniert. Aber ob mir das soviel gebracht hat, weiß ich nicht. Ich habe mir mein Handwerk relativ stark durch „Zusehen“ angeeignet und im Machen selbst, durch die Fehler und Erfolgserlebnisse, die ich gemacht habe. Wenn du von Medienkompetenz sprichst, fallen mir heutige Gymnasiasten ein, die ganz genau wissen, wie bestimmte Sachen gedreht werden, einfach weil die schon so viele Filme gesehen haben, dass sie wissen wie eine handwerklich „korrekte“ Einstellung gedreht werden muss. Gleichzeitig gibt es für mich nicht „das Handwerk“. Ich glaube für mich geht es viel eher darum ein Bewusstsein und eine Intuition zu entwickeln wie ich erzählen möchte und was es dann für meinen Film bedeutet. Beim „Räuber“ habe ich zum Beispiel viel stärker auf den Schnitt hin gearbeitet als bei „Schläfer“. Wir haben mit 2nd Unit gedreht und oft verschiedene Einstellungsgrößen gemastert und dann erst im Schnitt entschieden, wie wir den Film dramatisieren und rhythmisieren. Das war ein Dreh, wo ich und auch Reinhold Vorschneider am Set erstaunlich intuitiv arbeiten mussten, weil wir so schnell gedreht haben, dass die richtige Intuition das Entscheidende war. Das ist für mich Handwerk auf das ich mich verlassen kann. In den Momenten wo etwas Unvorhergesehenes passiert, sieht man ob man dieses Handwerk kohärent beherrscht und nicht den Stil seines Filmes durch eine „falsche“ Einstellung verfehlt.
Wir haben in Deutschland kein Studiosystem wie in Amerika, wo es ein wirkliches Kinohandwerk gibt. Bei uns ist es so dass das „Handwerk“ sehr stark von der Fernsehlandschaft geprägt ist. Das heißt wenn man dann in der Filmhochschule erzählt bekommt „so ist das richtig“, „so macht man das“, dann ist dieses „richtig“ automatisch mit der Tradition des Fernsehens verbunden und so entstehen dann oft Filme die vor allem sehr fernsehkompatibel sind. Das muss nicht schlecht sein, ist aber einfach anders als spezifisch kinobezogenes Filmhandwerk.
Wäre es nicht klug, die Abschlussfilme ohne das Fernsehen zu produzieren, von den Filmförderanstalten ein bestimmtes Budget zu erhalten und von den Sendern einen festen Abspielplatz in der Primetime? Wäre es sinnvoll, dass wir an der Filmhochschule unabhängiger vom Fernsehen Filme produzieren? Wie hast Du das damals erlebt?
Also, dass Fernsehen ist ein ganz wichtiger Partner, und es ist ein großes Glück, dass die Öffentlich- Rechtlichen Sender die Filmhochschulen bei Ihren Abschlussfilmen unterstützen. In anderen Ländern hat man das nicht und das macht es viel schwieriger. Gerade der Debütfilm ist ja im Prinzip überdimensional subventioniert und erfährt damit eine sehr gute Unterstützung.
Auch das beliebte Schreckgespenst „Redakteur“ habe ich so nicht kennengelernt. Mit Burkhardt Althoff vom „Kleinen Fernsehspiel“ haben ich bei mittlerweile drei Filmen einen tolle und absolut bereichernde Zusammenarbeit erlebt. Natürlich muss ich als Filmemacher Diskussionsbereitschaft mitbringen, aber die muss auch im Umgang mit der Produktion vorhanden sein, oder wenn ich einen Schauspieler inszeniere. Ich muss ja sowieso das vertreten, was ich für richtig halte. Bei den Debütfilm-Redaktionen haben wir es noch nicht mit einem Quotendruck zu tun, wie wenn es um die Primetime geht. Diese Redaktionen sind grundsätzlich viel offener, auch wenn Sie Prinzipien haben, was sie suchen und was nicht. Unabhängig davon fände ich es grundsätzlich gut, wenn es auch die Möglichkeit gäbe sein Debüt (oder auch die späteren Filme) ohne das Fernsehen zu produzieren. Das ist momentan kaum möglich und das ist falsch. Es gibt keinen Grund, warum das Fernsehen automatisch in einer Finanzierung dabei sein muss. Mit dieser Struktur verschleiern wir, dass es eine eigene Filmkultur geben kann, die ganz dezidiert für das Kino gemacht ist und nicht gleich mit einem Auge auf ein Fernsehformat schielt. Wenn die Filme dieses Kriterium erfüllen ist auch der nachträgliche Verkauf ans Fernsehen nicht das Problem, so dass die Filme auch dort ihre Zuschauer finden können.
Für mich gibt es auch die Frage, welche Regisseure dann weiter gefördert werden. Die Fernsehsender unterstützen nur vergleichsweise wenige Projekte von etablierten Filmemachern mit ähnlichen künstlerischen Freiheiten wie bei den Nachwuchsprojekten.
Meinst Du dass in Deutschland eine stärkere Förderung des Films als Kulturgut entstehen muss.
Der künstlerische Film ist in Deutschland immer unter Beschuss weil viel weniger als in Frankreich eine Wertschätzung der formalen Seite des Films existiert. Unter den Kritikern ja, aber unter den Zuschauern und auch in der Filmebranche gibt es diesen Fokus eher wenig. Die Qualität eines Films, liegt aber unter anderem auch darin wie er formal gestaltet ist. Dieses Interesse mag ein besonders „künstlerischer“ Ansatz sein, der vielleicht mehr der bildenden Kunst zugeneigt ist als dem klassischen amerikanisch geprägeten Erzählkino, aber er zielt darauf ab, dass Film nicht nur ein Unterhaltungsgut der Massen ist, sondern auch ein Hochkulturgut, wie die Oper oder die klassische Musik. Ich glaube dass wir allein durch unsere Rolle in der Nachkriegszeit sehr vom amerikanischen Kino geprägt worden sind, mehr zumindest als andere Länder und das vielleicht deshalb das amerikanische Erzählprinzip stärker unterstützt wird als andere. Aber man könnte die Ansprüche die wir an die bildende Kunst stellen, die viel freier und experimenteller sind, auch im Film anwenden. Das würde Filme hervorbringen die etwas wagen, die eine neue Form des Dialogs mit dem Zuschauer im Kino suchen. Diese Form von Film hält schon bei uns Einzug, sie wird aber nicht genug geliebt, sondern oft fast als Störenfried empfunden.
Mir ist es ein großes Anliegen – auch als Filmemacher, der unterschiedlichste Formen von Kino liebt - dass wir ein ganz breites Spektrum von Filmen produzieren, die viele Formen und Experimente zulassen, damit wir von wirklicher Innovation reden können und Schluss machen mit einer Diskussion, die über Konventionen geführt wird und nicht konkret über die Wirkungen, die Visionen und die Inhalte der Filme.
In Frankreich wird die Nouvelle Vague Allemande zu denen Petzold, Schanelec , Hochhäusler, Arslan, Griesebach und auch du gehörst, sehr geachtet. Verkennt das deutsche Kinopublikum diese Filme? Was könnte das Übel sein, warum das deutsche Publikum diese Filme nicht schätzen gelernt hat?
Ich glaube wir leben in einem Kinomarkt, in dem die konsumierbaren Filme, oder die Filme von denen man glaubt, dass sie konsumierbar seien, es deutlich einfacher haben. Was bedeutet der Zusatz „anspruchsvoll“ für einen Film eigentlich? Ich glaube in 80% dieser Filme, muss man sich als Zuschauer nicht wirklich anstrengen. „Anspruchsvolle“ Filme vermitteln einfach ein anderes, neues Erlebnis und das muss man erfahren wollen. Es bildet sich eben erst langsam eine Gemeinde von Zuschauern die dieses Kino schätzen und mehr davon sehen wollen. Das passiert nicht von einem Tag auf den anderen, aber so ist das in der Geschichte oft gewesen. Deswegen ist es wichtig, dass diese Filme weiter gemacht werden. Man kann beobachten, wie auch bei einem Publikum, dass normaler Weise in Filme wie „Avatar“ geht, diese „anderen“ Filme sehr geschätzt und stark erlebt werden. Das heißt, diese Zuschauer werden sich den nächsten Film vielleicht auch anschauen. Das heißt aber auch umgekehrt, wenn sie mit diesem Kino nicht sozialisiert werden, dann werden sie da auch nicht rein gehen. Und genauso würde ich das fürs Fernsehen auch sehen. Wir brauchen einen langen Atem um Kino- und Fernsehkultur zu gestalten. Wir haben einen ganz klaren Auftrag zur Qualität!
Kommt denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk diesem Auftrag filmkulturell überhaupt nach?
Wir sind bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern in der Zwickmühle. Das Fernsehen kann bestimmte Sachen wagen, aber es wird an seinen Misserfolgen bzw. Erfolgen gemessen und dazu kommt, dass es auch wegen des Wettbewerbs unter den Fernsehsendern und mit dem Internet TV, immer schwieriger wird zu bestehen. Insofern glaube ich, ist es ganz schwierig die Weichen richtig zu stellen. Ich finde es zum Beispiel schlimm, dass die Filme von jungen Filmemachern erst so spät am Abend gesendet werden und nicht bessere Sendeplätze bekommen. Man müsste sich manche Einbuße bei den Zuschauern einfach leisten, um diese Filme zu den Leuten und die Leute zu den Filmen zu bringen. Das braucht einen starken Willen, eine Haltung bei den Sendern - und Persönlichkeiten in den Chefetagen, die das durchboxen. Aber den Spagat zwischen Kommerz und Kunst in einem Sender zu schaffen ist kein einfaches Problem.
Wie schätzt Du den Nachwuchsfilm in Deutschland ein? Siehst Du einen Zeitgeist, oder eine Filmsprache. Eine Richtung in die wir uns bewegen? Ein Artikel im Kulturspiegel spricht von der Generation der „Verwirrten“, Dominik Graf spricht von unerlebten Geschichten . Wie ist Dein Blick auf uns, was für Geschichten erzählt unsere Generation?
Wenn ich die Leute aus der sogenannten Berliner Schule betrachte, oder auch generell meine Generation von FilmemacherInnen, dann denke ich, dass wir in einem Land gelebt haben, das stark im Wandel begriffen war. Die Wiedervereinigung, die stärkere Verunsicherung im Arbeitsmarkt, der Abschied von einer in Bonn regierten Republik zu einem von Berlin regierten Land, mit all den damit verbundenen Veränderungen der Innen- und Außenwahrnehmung. Das war alles sehr prägend und hat viele Fragen aufgeworfen: was sind wir überhaupt für eine Nationalität, in was für einem Land leben wir, wie sind wir aufgezogen worden, was sind unsere Ideale. Die Filme haben versucht so etwas wie eine Identität zu beschreiben und das ist ihnen finde ich auch gelungen. Heute spürt man schon viel stärker eine filmische Identität des Landes als noch vor 15 bis 20 Jahren. Das ist ein großer Fortschritt. Die Filme damals haben eher woanders nach einer Identität gesucht – zum Beispiel eben in Amerika, aber nicht bei uns, nicht im regulären, deutschen Alltag. Jetzt, wo wir diesen Prozess begonnen haben, kann ich mir vorstellen, dass es jetzt wieder stärker zur Fiktionalisierung kommt, weniger Realismus und mehr Genre oder Fantasy, weil die Leute vielleicht das realistische Kino jetzt ein bisschen zu viel gesehen haben. Aber das sind nur Spekulationen. Es gibt keine genaue Richtung und wenn ich die nächsten Projekte meiner Kollegen und Freunde sehe, dann ist das eine sehr heterogene Mischung von Filmformen und ich bin sehr gespannt was da kommt. Der Austausch und die Lebendigkeit der Filmkultur in Deutschland sind jedenfalls sehr groß und spannend und so anerkannt, wie der deutsche Film zurzeit international ist, war er schon sehr lange nicht. Ihr, die ihr jetzt die Schule abschließt, bewegt Euch also in einem sehr guten Umfeld, auch weil es aus allen Stilrichtungen Filme gibt mit denen man sich als junger Filmemacher identifizieren kann. Das ist doch toll.
Vielen Dank.